Schimmel desinfizieren - Biozidbehandlung

Ob eine Desinfektion im Rahmen einer Sanierung eines Feuchtigkeitsschadens mit Schimmelbildung notwendig ist oder nicht, hängt vom Einzelfall ab und kann nicht kategorisch mit ja oder nein beantwortet werden.

 

Leider verwirren selbst angesehene Organisationen wie das Bundesumweltamt (UBA) mehr als dass sie aufklären. So ist in einer Pressemitteilung des UBA zu lesen, dass eine Desinfektion nicht notwendig ist, und zwei Absätze später (in der gleichen Mitteilung) steht wortwörtlich "...kann eine Desinfektion mit Ethanol (Brennspiritus) als zusätzlicher Schritt zur Verhinderung weiteren Schimmelpilzwachstums sinnvoll sein". Man darf gespannt sein, was im neuen Schimmelpilzleitfaden 2017 des Umweltbundesamtes hierzu zu lesen ist.

 

Viele Befürworter oder Gegner einer Desinfektion berücksichtigen nur den "Ausschnitt Schimmel" bei Feuchtigkeitsschäden. Die dahinter stehende Komplexität wird häufig geradezu fahrlässig ausgeblendet. Desinfektionsmitteln bei Feuchtigkeitsschäden mit Schimmelbildung einzusetzen ist bei größeren Schäden durchaus sinnvoll, ja sogar geboten. 

 

Dies liegt jedoch nicht an den Schimmelpilzen, den Schimmelsporen oder dem Schimmelmycel. Die immer wieder gehörte Aussage, dass Feuchtschäden mit Schimmelpilzwachstum zu Gesundheitsproblemen führen können, kann unseres Erachtens nur als abgeschwächte Panikmache gewertet werden (siehe hierzu: Macht Schimmel krank?).

 

Bei Feuchtigkeitsschäden in Innenräumen ist es heute die Regel, dass bis zum Beginn der Sanierungsarbeiten Tage, Wochen mitunter sogar Monate vergehen. Unbestritten ist dabei, dass sich die "Mikroorganismus-Massen"  wenn auch durchaus in unterschiedlicher Zusammensetzung, erhöhen. Wie leicht nachvollziehbar ist, geht von einer stark erhöhten Mikroorganismus-Gesellschaft ein höheres Risikopotential aus, als von einer niedrigeren Masse. Auch die Tatsache, dass in diesen "Expositionscocktails" gegeneinander sich verstärkende und abschwächende Wirkungen vorzufinden sind, führt nicht an der Tatsache vorbei, dass die genauen Wechselwirkungen heute noch völlig unverstanden sind, und somit bei ungehemmter Zunahme der Mikroorganismen und ihrer Nebenprodukte von einer Erhöhung des Risikopotential ausgegangen werden muss.

 

Hinzu kommt, dass im Gegensatz zu den Schimmelpilzen bei vielen der vergesellschafteten Mikroorganismen der Nachweis der gesundheitlichen Relevanz wissenschaftlich abgesichert ist. Besondere Bedeutung haben hierbei Aktinomyceten (Actinobacteria), aber auch andere Bakterien (siehe auch: Forschungsbericht des UBA "Untersuchungen zum Vorkommen und zur gesundheitlichen Relevanz von Bakterien in Innenräumen", den wir auch weiter unten als Download zur Verfügung stellen).

 

Viele Gattungen der Aktinobacteria und der Fimicutes bilden nicht nur (wie bei Schimmel) Sporen als Überdauerungsstadien, sondern sind erwiesenermaßen giftig. So zählt zu den wichtigsten Eigenschaften vieler Actinobacteria die Produktion spezifischer Sekundärmetabolite wie leicht flüchtige organische Komponenten, Chloramphenicol, Polyne, Makrolide, Tetrazykline oder Aminoglyoside wie Streptomycin und Neomycin (Kämpfer, 2006, Schöller et al., 2002). Daneben ist bekannt, dass einige Actinobacteria Toxine produzieren, wie Antimycin A, Gramacidin A,B,C,D, um nur eine geringe Zahl zu nennen (siehe auch Hoornstr. et al., 2003).

 

In Bezug auf die Bildung von toxischen Stoffen sowie pathogenen Eigenschaften, benennt die Kommission für Arbeitsschutz und Normung (Danneberg und Driesel, 1999) die Gattungen Actinomyces, Mykobakterium, Frankia, Dermatophillus, Nocardi, Rhodococcus, Streptomyces, Mikromonospora, Gordona, Tsukamurell und Actinomadura als gesundheitlich relevant.

 

Mittlerweile wurde sogar nachgewiesen, dass die Endotoxine bzw. Lipopolysaccharide (LPS) gram-negativer Bakterien, die bei Feuchtigkeitsschäden in feuchtem Baumaterial vorkommen, eine mögliche Quelle für die Entstehung und Entwicklung (Pathogenese) von rheumathoider Arthritis, und damit der häufigsten entzündlichen Erkrankung der Gelenke, sein können (Lorenz, W. et al., 2013).

 

Mit einer Desinfektion lassen sich somit toxinbildende Mikroorganismen deutlich verringern. Darüber hinaus sind Persäuren (wie sie unter anderem von uns eingesetzt werden) und andere Aktivsauerstoffträger in der Lage, Mykotoxine, wie z.B. das Aflatoxin B1 und andere Biotoxine wie Endotoxine zu zerstören und zu entgiften (Wallhäusers Praxis der Sterilisation, Desinfektion, Antiseptik und Konservierung, 2012). Die "Legendenbildung" sogennanter Fachleute, dass eine Desinfektion bei einem Feuchte-/ Schimmelschaden auf Toxine keine Wirkung hat, kann somit deutlich widerlegt werden.

 

Ebenfalls in das Reich der Legenden ist die Behauptung zu verweisen, eine Desinfektion bei Schimmelpilzschäden würde auf die Allergene keine Wirkung haben. Begründungen oder wissenschaftliche Untersuchungen hierfür werden seltsamerweise nicht genannt. Fakt ist, und hier möchten wir aus o.a. Werk Wallhäußers zitieren:

 

"Der oxidative Abbau durch Desinfektionsmittel mit Aktivsauerstoff kann besonders bei der Desinfektion in bewohnten Räumen von großem Vorteil sein, weil neben der Desinfektion auch Schimmelpilz- und Hausstaubmilbenallergene sicher deaktiviert werden können, was für Allergiker ein großer zusätzlicher Vorteil ist".

 

Bei der Desinfektion bei Feuchtigkeitsschäden nur die Oberflächen zu desinfizieren wäre allerdings auch "zu kurz gesprungen". Nachweislich sind Bakterien, Schimmel und andere Krankheitserreger nicht nur auf Oberflächen zu finden, sondern gelangen durch Resuspension (Staubaufwirbelung) immer wieder in die Luft (Pessi et al., 2001, Gorny et al., 2003, Hodspodsky et al., 2012).

 

Deshalb empfehlen wir grundsätzlich als Sofortmaßnahme eine Flächen- und Raumluftdesinfektion (auch im Sinne des Arbeitsschutzes) um weiteres Wachstum und ggfs. die weitere Verbreitung der Mikroorganismen zu verhindern. Damit wird auch sichergestellt, dass durch das geringere Wachstum weniger Stoffwechselprodukte, wie Toxine oder Endotoxine gebildet werden.

Außerdem findet wie oben ausgeführt eine entgiftende Wirkung statt. Ganz verhindert werden kann die Toxinbildung jedoch nicht, da es sich dabei um Zerfallsprodukte der oben angeführten gram-negativen Bakterien handelt.

Zusätzlich werden allergieauslösende Proteine denaturiert, d.h. die allergene Wirkung wird ausgeschaltet, die Desinfektion hat somit eine anti-allergene Wirkung.

 

Darüber hinaus empfehlen wir vor der Feinreinigung eine erneute Desinfektion, vor der jedoch eine Partikelmobilisierung/ -aufwirbelung stattgefunden hat, um so die noch vorhandene biologisch aktive "Mikroorganismenlast" weiter zu reduzieren. Unsere Erfahrungen zeigen, dass sehr viele Feinreinigungen "nicht allzu fein" und bei einer vorhergehenden mobilisierten Desinfektion erfolgreich sind. Eine Desinfektion nach einer (erfolgreichen) Feinreinigung ist Unsinn.

 

Desinfektionen sind nur dann zielführend, wenn das richtige Desinfektionsmittel, in der richtigen Konzentration, mit einem definierten Verfahren und mit einer definierten Einwirkzeit, Verwendung finden. Vielfach werden von "Schimmelpilzsanierern" Produkte eingesetzt, die durchaus bakterizid und fungizid, jedoch keinesfalls sporizid sind. Insbesondere die (Bakterien)-Sporizidie ist von besonderer Bedeutung, da hiermit die deutlich resistenteren Bakteriensporen mit abgetötet werden. Immer wieder stellt sich heraus, dass fungizide Produkte Sporenbildung und Wachstum nicht verhindert haben. Es kann allerdings immer davon ausgegangen werden, dass (Bakterien)sporizide Desinfektionsmittel die weniger resistenten Schimmelsporen umfänglich abtöten.

 

Abschließend muss ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Desinfektion bei Feuchteschäden mit Bildung von Schimmel und anderen Organismen eine sanierungsunterstützende Maßnahme, aber keinesfalls eine  Sanierung darstellen. Aussagen von "Schimmelspezialisten" wie "Nach der Desinfektion/der Vernebelung ist das Ergebnis eine nachhaltige Schimmelentfernung bis in die kleinste Ecke Ihres Lebensraumes – schnell, effektiv, preiswert und nachhaltig" sind reine Scharlatanerie.