Stachybotris chartarum

Millionen von Euros, Dollars, britische Pfunds und anderen Währungen werden jährlich unnötig ausgegeben. Die Ursache hierfür ein Wort, welches Schimmelpilz-Sachverständige, Labore, Sanierungsunternehmen, Baubiologen, Mediziner und besorgte Endverbraucher in Hysterie versetzt. Dieses "Killerwort der Schimmelpilzwelt" heißt Stachybotrys. Genauer gesagt Stachybotrys chartarum oder wie er ursprünglich genannt wurde Stachybotrys atra (August Carl Joseph Corda, 1837). Andere immer wieder vorzufindende Bezeichnungen sind Stachybotrys alternans oder Stilbospora chartarum.

 

Bei dem Schimmelpilz handelt es sich um einen Ascomyceten aus der Klasse der Sordariomycetes. Weitere Klassifizierungsmerkmale sind Hypocrealies (Ordnung), Stachybotryaceae (Familie) und die Gattung Stachybotrys. Es ist ein schwarzer bis schwarz-grüner Pilz mit weißem Rand. Die Vermehrung erfolgt über Konidien in schleimigen Fruchtkörpern, sogenannte Conidiomata. Wie die meisten Schimmelpilze ist er ein ubiquitärer Pilz, der sich in der Erde und auf Getreide befindet. In Innenräumen bevorzugt er zellulosehaltige Untergründe, wie Tapeten und Gipskartonplatten. Wegen seiner schleimigen Oberfläche ist er bei Luftkeimmessungen ein seltener zu findender Vertreter der Feuchteindikatoren. Sobald er jedoch gefunden wird schrillen die Alarmglocken und die Ergebnisse in Google sind nicht unbedingt vertrauenserweckend.

 

So ist beispielsweise im Internet zu lesen: "….neueste Beobachtungen in Laboratorien, gehen von verschiedenen Mikroorganismen große Gefahren aus, so z.B. Von Stachybotrys chartarum." Was aber ist dran an solch reißerisch Aussagen? Kurz geantwortet: Nichts!

 

Ursache für diese "neurotischen Störungen" bei den o.a. Zielgruppen sind die Stachybotyiotoxikose und die Cleveland-Kinder.

 

Der Schimmelpilz Stachybotrys chartarum ist in der Lage Toxine, also Gifte, zu produzieren. Diese Toxine werden von der Wissenschaft derzeit als metabolisches Beiprodukt der Schimmelpilze verstanden. Wann, wie, warum und in welchen Mengen bestimmte Schimmelpilze Beiprodukte bilden ist bis heute wissenschaftlich nicht geklärt. Dies gilt im Übrigen auch für den Stachybotrys, allerdings weiß man hier, dass nur ein Drittel dieser Schimmelpilze tatsächlich derartige Nebenprodukte liefern, die wir als Gifte oder Toxine bezeichnen. Im generellen Zusammenhang zu diesem Thema muss die Aussage des schweizer Alchemisten Paracelsus (1493-1541) deutlich hervorgehoben werden. "Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift, allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei."

 

Im Falle des Stachybotrys atra sind es die chemischen Verbindungen der macroxylischen Trichothene, wie z.B. die Satratoxine, die in bestimmten Fällen durch diesen Schimmelpilz gebildet werden.

 

Erstmals auffällig wurden Erkrankungen durch diesen Schimmelpilz in den 1930er Jahren in Osteuropa und Russland. Betroffen waren dabei Tiere, vor allen Dingen Pferde, aber auch Menschen. Ursache war die (längerfristige) Gabe und das Handling mit massiv verschimmelten Heu und Stroh. Nachfolgendes Bild zeigt ein mit Stachybotrys chartarum massiv besiedeltes im Vergleich zu nicht befallenem Stroh.

 

In den 1970iger Jahren gab es erstmals in der Nachkriegszeit auffällige Mykotoxikosen, durch Stachybotrys hervorgerufene Mykotoxikosen. Diese Massen-Mykotoxikose ereignete sich im Bezirk Hajdu-Bihar im östlichen Ungarn, hervorgerufen durch Hautkontakte und Einatmen mit befallenem Heu und Stroh (Andrassy, K., Horvath, I., Lakos, T., and Toke, Z. 1980, Mass incidence of mycotoxicoses in Hajdu-Bihar county. Mykosen 23:130-133).

 

Berühmt und berüchtigt wurde dieser Schimmelpilz aber durch die Cleveland-Kinder. In den Jahren 1993 und 1994 kam es in verschiedenen Fällen bei Kindern in der amerikanischen Stadt Cleveland zu akuten Lungenblutungen. Diese ungewöhnliche Häufung führte zu intensiven Recherchen und Untersuchungen. Im Ergebnis konnten viele Umstände mit den Krankheiten assoziiert werden, unter anderem der durch Feuchtigkeisschäden entstandene Befall mit Stachybotrys chartarum. Bedeutsam in diesem Kontext wurde die Tatsache, dass von der Lunge eines der betroffenen Kinder Stachybotrys-Sporen isoliert werden konnten. Spätestens seit Erscheinen des Fachartikels von Elidemir (Elidemir, O., Colasurdo, G. N., Rossmann, S. N., and Fan, L. L. 1999, Isolation of Stachybotrys from the lung of a child with pulmonary hemosiderosis. Pediatrics 104:964-966) hat eine "Verteufelung" eingesetzt, die bis heute anhält.

 

Dies ist umso schlimmer weil spätestens seit Beginn der 2000er die Zusammenhänge von Stachybotrys chartarum und akuter Lungenblutung als nicht bewiesen festgestellt wurde. Bei dieser Aussage handelt es sich nicht um irgendeine wissenschaftliche Arbeit, sondern um zwei Studien des Centers for Disease Control and Prevention (CDC,  Update 2000: Pulmonary hemorrhage/hemosiderosis among infants-Cleveland, Ohio, 1993-1996. Morb Mortal Wkly Rep 49(09):180-184). der höchsten amerikanischen Gesundheisbehörde (dem deutschen RKI vergleichbar).

 

Auch in Deutschland zeigen sich die medizinischen Fachgesellschaften als äußerst klar im Hinblick auf Mykotoxikosen. So ist in der awmf-Schimmelpilzrichtlinie für Innenräume unter anderem zu lesen: „Aus der Fachliteratur kann kein konsistenter Zusammenhang abgeleitet werden, dass durch die in Innenräumen vorkommenden Toxinkonzentrationen neurotoxische Wirkungen verursacht werden“ und  „Die bisher vorliegenden Daten lassen den Schluss zu, dass die im Innenraum zu erwartenden Konzentrationen der meisten luftgetragenen Mykotoxine keine akut-toxische Wirkung aufweisen“.

 

Die Gefährdungshinweise von vielen Beteiligten in der Schimmelpilzwelt bezüglich des mikrobiellen "Atompilzes" Stachybotrys chartarum sind völlig unangebracht und dienen u.E. lediglich der Panikmache im Sinne der "Monetik vor Ethik". Der Nachweis von Stachybotrys atra bei Feuchtigkeitsschäden mit Schimmelpilzbildung ist kein Grund für übertriebene Aktionen, wie die Evakuierung oder Schließung gesamter Gebäude oder Gebäudeteile.